Mittwoch, 1. August 2012

Luther und die Mystik



Der Philosoph Alfred Schmidt schrieb „Bei allen (keineswegs gering zu veranschlagenden) Unterschieden ist religionswissenschaftlich eine ´letzte Einheit der Religionen´ erkennbar. Sie ergibt sich mit rationaler Klarheit aus dem Studium ihrer Geschichte (...) Diese wissenschaftliche (...) Erkenntnis wird(...) bestätigt durch das in mystischer Religiosität von Anbeginn enthaltene "Einheitserlebnis".
Religionswissenschaft und mystisch-unmittelbare Erfahrung führen zum nämlichen Ziel: beide belegen "die Einheit der Religionen in aller geschichtlichen Mannigfaltigkeit"!

Über der Schärfe, mit der Luther spiritualistische Abweichler verurteilt, wird oft seine ursprüngliche Nähe zur Mystik vergessen. Der junge Mönch studiert Tauler und die Deutsche Theologie (...) Die neuentdeckte Innerlichkeit des Glaubens macht Luther zunächst zum Feind nicht nur der scholastischen Theologie, sondern begründenden Wissens überhaupt. "Nicht die Gelehrtesten", schreibt er zu dieser Zeit, "sind die besten Christen. Denn alle ihre Bücher und alle ihre Erkenntnis ist Buchstabe und tot für die Seele. Nein, die sind die besten Christen, die das wirklich in die Tat umsetzen mit voller Freiwilligkeit, was jene in den Büchern schreiben und andere lehren."
Erst der Kampf gegen Rom und die Auseinandersetzung mit den Spiritualisten weckt in Luther das Interesse an Theologie, die ihn bald ganz beherrscht. Nigg schildert diesen - folgenreichen - Übergang so: "Theologie und Mystik decken sich ... nicht. ... Man kann von einer Theologie der Mystik und von einer mystischen Theologie sprechen, doch darf auch der Unterschied nicht übersehen werden. Die Mystik beruht auf inneren Erfahrungen mit dem Göttlichen, während die Theologie eine gedankliche Bewältigung der christlichen Probleme versucht. Es ist deswegen so viel leichter, Theologe als Mystiker zu sein. Luther wurde durch die heftige Kampfsituation unaufhörlich von seinem ursprünglich religiösen Erleben zur Theologie abgedrängt. In ihm brannte immer stärker eine theologische Leidenschaft, die zuletzt wie ein Orkan loderte.... Es gibt... einen theologischen Dämon, der Luther zur Rechthaberei, zur Disputiersucht ... verführte, die der christlichen Innerlichkeit abträglich sind. Immer weniger ertrug er den geringsten Widerspruch, er wurde gegen andere Auffassungen zusehends unduldsamer, anstatt sie in Liebe zu ertragen ... Durch die Entwicklung vom religiösen Ringen zur kampfgeübten Theologie wurde die Türe geöffnet, durch die die Schulweisheit in die evangelische Kirche einziehen konnte. An die Stelle der mittelalterlichen Scholastik trat eine lutherische Scholastik, die nicht weniger unfruchtbare Folgen nach sich zog."

1 Kommentar:

  1. Toller Blog, regt einen zum Nachdenken an. Bin nun Leser auf deinem Blog, würde mich über Gegenverfolgung freuen.

    AntwortenLöschen